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Was ist das Gefühl des Lebens?

Wenn Zeit einfach nicht langsamer vergeht

Das Baby, das vor kurzem zusammengerollt auf meiner Brust lag, wurde so schnell 6 Monate, bald 3 Jahre und plötzlich Vorschulkind.

Kinder wachsen, ohne zu warten. Phasen kommen und gehen. Oft schneller, als wir sie begreifen können. Die Zeit hält nicht inne – auch dann nicht, wenn wir es uns sehnlichst wünschen.

Ich kann die Momente nicht halten.
Ich kann sie nicht bewahren.

Auch Achtsamkeit hält die Zeit nicht an

Auch ein achtsames Leben ändert daran nichts. Ich habe gehofft, dass bewusste Präsenz die Zeit verlangsamt. Dass ein langsamer Lebenstil verhindert, dass uns das Leben „durch die Finger rutscht“.

Doch die Vergangenheit bleibt nicht, nur weil wir sie intensiv erlebt haben. Erinnerungen verblassen. Details verschwimmen. Und selbst die schönsten Augenblicke werden Teil von etwas, das nicht mehr greifbar ist.

Achtsamkeit ist kein Mittel gegen Vergänglichkeit

Achtsamkeit hält nichts fest.
Sie konserviert Momente nicht.

Was sich verändert, ist nicht die Zeit. Vielleicht die gefühlte Geschwindigkeit der Tage, aber nicht das Vergehen der Momente.

Und doch verändert Achtsamkeit etwas: Das Gefühl, mit dem wir leben.

Verbindung statt Festhalten

Wenn ich langsam lebe, wenn ich hinschaue – meinem Ki

nd ins Gesicht, meinem Gegenüber in die Augen – dann entsteht etwas, das nicht gespeichert werden kann wie ein Foto.

Dann entsteht etwas Tieferes als Erinnerung. Es entsteht ein Gefühl.
Ein Gefühl von Nähe.
Von Verbindung.
Von Dasein.

Kein Besitz.
Keine Erinnerung zum Festhalten.

Verbundenheit im Alltag

Im Familienleben zeigt sich das nicht in großen Ereignissen, sondern im Unspektakulären.

Im gemeinsamen Schweigen.
Im Zuhören ohne Eile.
Im Zeit-Haben ohne Plan.
Im Teilen von Langeweile, ohne sie füllen zu müssen.

Dann wird das Leben langsamer – nicht in der Zeit, sondern in der Tiefe.

Die Momente gehen, das Gefühl bleibt.

Die Tage vergehen.
Die Phasen enden.
Die Kinder verändern sich.

Nichts davon bleibt.

Ich werde diese Zeit nicht halten können.
Dieser Gedanke schmerzt. Und er darf schmerzen.

Und doch fühlt sich das Leben anders an, wenn wir achtsam leben. Nicht, weil wir etwas behalten – sondern weil wir die Momente gefühlt und Verbindung erlebt haben.

Wir können die Momente nicht festhalten, aber wir können beeinflussen, wie es sich anfühlt, dieses Leben zu leben. Wie verbunden mit anderen und mit uns selber wir uns fühlen.

Und wir können durch unsere Art zu leben beeinflussen, wie sich die fühlen, die dieses Leben mit uns teilen.

Wie wir leben, wie wir einander begegnen, wie wir Raum lassen für Nähe, Stille und echtes Sein – das prägt auch das Gefühl, das unsere Kinder mit dem Leben verbinden.

Denn die Erfahrung von Verbundenheit nährt ein tiefes Vertrauen ins Leben. Sie stärkt die Fähigkeit, sich selbst und andere zu lieben – und an einen guten Gott zu glauben.

Vielleicht ist das das Wesentliche:
Nicht das Festhalten und Aufsaugen jedes Augenblicks, sondern das Formen eines unvergänglichen Gefühls des Lebens – das Urvertrauen.

Ich möchte meinen Kindern, meinen Mitmenschen und mir selber mehr dieser Momente der Verbundenheit schenken.

Machst du mit?

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Fünf Jahre Mama – Ein bittersüßes Jubiläum

Fünf Jahre.
Ein halbes Jahrzehnt.
Eine Handvoll Leben.

Meine älteste Tochter ist fünf geworden. Und während sie fröhlich ihre Kerzen ausbläst, stehe ich daneben mit einem Lächeln auf den Lippen – und einem Kloß im Hals.

Fünf Jahre Muttersein.
Fünf Jahre voller Freude, Glück und Stolz. Aber auch fünf Jahre voller Abschiede, Veränderungen und einer leisen, beständigen Melancholie darüber, wie schnell die Zeit vergeht.

Ein Stück mehr Unabhängigkeit für uns beide

Mit jedem neuen Entwicklungsschritt wird meine Tochter selbstständiger. Sie zieht sich alleine an, sie bringt ihr Geschirr in die Küche, sie stellt so viele Fragen. Ich bin so glücklich, die Mama dieses kleine, großartigen Mädchens sein zu dürfen. Ich bin dankbar, sie bei ihren Entwicklungsschitten begleiten zu dürfen und zu feiern, wenn ihr Dinge leichter fallen als noch ein paar Monate vorher.

Sie wird Schritt für Schritt selbstständiger. Und auch ich durfte in den fünf Jahren meiner Mutterschaft lernen unabhängiger zu werden. Unabhängiger von den Blicken und Erwartungen anderer, unabhängiger von veralteten Vorstellungen von Erziehung und Elternschaft, unabhängiger von meinem Wunsch nach Kontrolle. Ich durfte in kleinen Schitten freier werden. Innerlich freier im Chaos, in der Hilflosigkeit und Ohnmacht der Mutterschaft. Innerlich freier in der Akzeptanz der Dinge, die ich nicht beeinflussen kann, bei gleichzeitiger Verantwortungsübernahme für die Dinge, die ich mitgestalten kann. Innerlich freier in der täglichen Erfahrungen jeden Tag mein Bestes und größtes Maß an Liebe zu geben und gleichzeitig immer wieder an Ungeduld und Lieblosigkeit zu scheitern.

Ich habe in den bisherigen fünf Jahren meiner Mutterschaft so viel über das wahre Leben und das echte Lieben gelernt wie in all meinen Jahren in Kirche, Studium und Ausbildung zusammen nicht. Und ich bin im Lernen der beständigen Liebe und Besonnenheit freier geworden als je zuvor.

Das Muttersein ist eine eigenartige Mischung aus Stolz und Traurigkeit, Dankbarkeit und Freude. Diese ersten Jahre mit meinem ersten Kind. Sie sind so intensiv, so anstrengend und so wunderschön, und doch schmelzen sie dahin wie Schokolade in der Sonne.

So viel Liebe, so viel Überforderung

Ich denke an so viele Momente der letzten fünf Jahre. Festgehalten in verschwommenen Fotos und in meinem Herzen. So viele Momente des Glücks und so viele Momente der Überforderung und des Frustes. All diese Momente sind vergänglich und fliegen davon wie der Wind. Sie ermutigen mich, so viele Momente wie möglich bewusst zu Erleben. Und die ermutigen mich weiterhin nach einer Balace zu suchen zwischen meinem Bestmöglichen und der Akzeptanz meiner menschlichen Fehlbarkeit.

Für mich ist das eines der schwierigsten Dinge in der Elternschaft: Einen Umgang damit zu finden, dass ich diesen kleinen, wunderbaren Menschen, die ich auf dieser Welt am meisten liebe, nicht immer nur das Beste von mir geben kann.

Ich wünschte, mehr Mütter hätten über die Unsicherheiten, Fehler und Gefühle der Überforderung gesprochen. Darüber, dass jede Mutter immer wieder an ihre Grenzen kommt. Dass es okay ist, nicht immer alles richtig zu machen.

Ich erinnere mich daran, wie ich in den ersten Monaten und auch heute immer wieder denke, ich müsse alles perfekt machen. Wie ich stundenlang entwicklungspsychologische Fachliteratur sowie Schlafberatungsbücher welzte und nach Antworten auf Fragen suchte, die sich eigentlich nur mit Zeit und Erfahrung beantworten ließen.

Und jetzt, nach fünf Jahren, weiß ich: Perfekte Mütter gibt es nicht. Und perfekte Mütter sind auch nicht das Ziel. Es wäre für unsere Kinder gar nicht gut, die perfekte Mutter zu haben. Wir brachen Ecken und Kanten, an denen sich unsere Kinder reiben können. Wir dürfen ihnen ein Vorbild darin sein, Fehler zu machen, Verantwortung zu übernehmen, sich zu entschuldigen und zu lernen, es beim nächsten Mal ein klein bisschen besser zu machen. Wir Eltern, die lernen, gnädig mit ihrer eigenen Fehlbarkeit zu sein, sind das beste Vorbild darin, dass ihre Kinder lernen, gnädig mit sich selber zu sein. Wie viel wertvoller für das Leben und den Selbstwert unserer Kinder, als ihnen die niemals mögliche perfekte Mutter sein zu wollen.

Ich bin dankbar in diesem Prozess der Mutterschaft den Gott in meinem Herzen zu haben, der meine Liebe weit übersteigt. Der mir in den Momenten der Überforderung den Atem zur durchatmen schenkt, der mich lehrt, gnädig zu sein – mit meinem Kind, und besonders mit mir selbst.

Der Wert der kleinen, unspktakulären Momente

Seit ich selber einen Alltag gestalte und besonders, seit ich die Kindheit meiner Kinder mitgestalte, erlebe ich, wie wertvoll die alltäglichen, unspektakulären Momente sind.

Das Kuscheln beim Zubett gehen. Die Geduld beim Anziehen. Das Zuhören, bis das Kleinkind beim Erzählen die richtigen Worte gefunden hat. Das Picknicken im Park. Der Start in den Tag als Familie. Das Toben im Bett. Das Vorlesen. Das aufgebrachte Verständis. Das sich Zuhören und Anschauen. Nicht nur mit den Kindern, sondern im besten Fall auch mit ihrem Papa. Denn Geborgenheit und Sicherheit für die Kinder beginnt bei ihren Eltern.

Für mich ist die Zeit der Kindheit meiner Kinder eine Zeit der Wertschätzung für eine einfache und unspäktakuläre Alltagsliebe geworden.

Von Herzen viel Weisheit, Liebe und Gnade auf jedem eurer individuellen Wege.

Eure Julia