Spannung der Sehnsucht

Was ist das für eine Spannung in mir?

Da ist eine Spannung in mir. Komischerweise nehme ich diese Spannung in Zeiten der Geschäftigkeit weniger wahr. Manchmal scheint sie fast zu verschwinden. Jedoch wird diese Spannung spürbarer, wenn ich ruhiger werde.

Ein interessantes Phänomen

Ich kenne dieses Phänomen. Beim ersten Mal, als mir dieser Zusammenhang aufgefallen ist, war ich etwas verwirrt:

Durch die Ruhe in Gottes Gegenwart wird diese Spannung in mir nicht weniger, sondern mehr. Es ist eine ganz besondere Art der Spannung: Ich bin berührt von Gottes Nähe und spüre die starke Sehnsucht nach mehr. Je mehr ich in seiner Nähe ruhe, desto stärker habe ich das Verlangen danach.

Bin ich jedoch stark beschäftigt und habe immer etwas zu tun, nehme ich diese Spannung der Sehnsucht weniger wahr.

Was hat das zu bedeuten?

Sollte ich dieser Spannung Beachtung schenken, auch wenn ich sie sehr gut überhören könnte?

Viele von uns sind Profis darin geworden, Regungen unseres Herzens zum Schweigen zu bringen. Es ist nicht nur das Streben nach Karriere, Umweltschutz oder Fitness. Christliche Geschäftigkeit eignet sich ebenso hervorragend dazu unser Herz zum Schweigen zu bringen. Und irgendwann nehmen wir diese Spannung in unserem Herzen nicht mehr wahr.

Es sei denn, wir gehen das Risiko ein, ruhig zu werden, Lautstärken runter zu regulieren und hinzuhören.

Dann könnte die realistische Gefahr bestehen, dass wir unser Herz spüren.

Was soll diese unangenehme Regung des Herzens

Ich habe das Gefühl, dass diese Spannung in unserem Herzen uns etwas mitteilen möchte. Ihr Sinn ist es nicht, verdrängt zu werden. Sie kann uns etwas lehren, sonst wäre sie nicht da.

Ein kleines französisches Café

Mit einem Flat White sitze ich in einem kleinen französischen Café namens Madame Tartine in Ehrenfeld.

Ich nehme diese Spannung in mir wahr, das Regen meines Herzens. Oft versuche ich sie schnell wieder zu reduzieren. Meistens mithilfe irgendeiner Form von Aktionismus: gute Bücher lesen, Pläne aufstellen, Aufräumen, Gebetspläne runter beten, mich bei Freunden melden…

Am tückischsten sind christlichen Aktivitäten, die mein Herz zum Schweigen bringen, ohne dass ich es merke:

Flucht nach Vorne

Ich gehe zum Chor, um meine Stimme fit zu halten, den Kontakt zu den Musikern zu vertiefen oder sogar um „etwas für Gott zu tun“. Ich bete, um mich für einen Menschen zu investieren, um sein Schicksal positiv zu beeinflussen, um Gott auf ihn aufmerksam zu machen. Ich tue etwas für einen bestimmten Zweck, um etwas zu erreichen, zu verändern – vielleicht auch einfach um mein Herz zu übertönen. Ich kenne diese Geschäftigkeit. Ich kenne das Flüchten vor der Stimme des eigenen Herzens.

Überrümpelt mit Geschäftigkeit

Mein vergangenes Jahr war angefüllt mit einem Vollzeitjob, langen Arbeitswegen, viel Stau und Wochenendeseminaren.  Äußere Ruhelosigkeit gesellte sich zu innerer Getriebenheit.

Letztere hatte ich in den letzten Jahren – teilweise fahrlässig – angesammelt.

Wohin eine Romanze zwischen Ruhelosigkeit und Getriebenheit führen kann, kann sich jeder ausmalen.

Zwangspause

In den letzten beiden Monaten wurde mir eine Zwangspause auferlegt. Mein Arbeitsvertrag in einer Psychiatrie lief aus. Ich war froh, ihn nicht verlängern zu müssen. Hatte jedoch noch keinen neuen Job.

Die Arbeitssuche gestaltete sich frustrierend. Auf viele Bewerbungen folgten viele Absagen. Die innere Getriebenheit wurde immer stärker. Ich wollte wissen, wann und wie es weitergeht. Und ich wollte meinen Freunden und Bekannten auf die Frage, wie es jetzt weitergehe, etwas Zufriedenstellendes antworten können.

Jedoch sagt weder der berufliche Werdegang noch christliches Engagement viel über den Zustand unseres Herzens aus. Sie eignen sich im Gegensatz dazu jedoch gut, diesen zu übertönen.

Wieso halten wir Pausen so schlecht aus?

Wieso ist das Ruhen in uns selber und Gottes Gegenwart oft so schwer auszuhalten?

Oft neige ich dazu, mein Ruhe in Gott immer wieder zu unterbrechen. Ich schlage ein Zitat oder eine Bibelstelle nach, schreibe eine kleine Nachricht oder virtuelle Listen in meinem Kopf.

So auch jetzt. Ich sitze in diesem wunderschönen Café, spüre diese Spannung in meinem Herzen, schreibe zunächst eine Email, dann Gedanken in mein Notizbuch und nun diesen Text hier.

Oft wandel ich die Spannung meines Herzens in Aktivität um. Das funktioniert gut. Oft nutzen wir diese Spannung, um daraus gute Handlungen entstehen zu lassen.

Mehr als Effizienz

Ich glaube jedoch, dass diese Spannung uns mehr zu sagen hat, als uns zu Effizienz zu drängen. Effizienz scheint mir vielmehr ein Versuch, diese Spannung zu umgehen.

Ich litt an der Frage nach der Effizient, als ich viel zu viele Absagen auf Bewerbungen erhielt und kein klares Ziel hatte. Ich litt an dem Gefühl auf der Stelle zu treten.

Deswegen versuchte ich, die freie Zeit auszukosten. Ich schlief selten lang. Stattdessen laß ich gute Bücher, erledigte Dinge, die im letzten Jahr aufgeschoben wurden, kümmerte mich um die Gründung eines Vereins … ich tat alles, um jedem Tag eine Berechtigung zu geben, in dem ich etwas leistete.

Wie so oft merkt ich: Wer so stark von Selbstrechtfertigung und -maximierung getrieben ist, kann gar nicht zur Ruhe kommen.

Vielleicht ist der Glaube an Gott ein Protest gegen den getriebenen Versuch der Belanglosigkeit entgegenzuwirken. Eine Hoffnung auf mehr als die alltägliche Vergänglichkeit.

Gottes Gegenwart für Zwischendurch

So gab es während der zwei Monate dieser inneren Getriebenheit auch Momente, in denen ich in Gottes Gegenwart zur Ruhe kam. Es tat gut auf- und durchzuatmen.

In seiner Nähe gelang es mir, den Impuls der Effizient etwas aufzuschieben. Meine innere Getriebenheit wurde weniger.

Eine innere Spannung anderer Art

Sie wich einer inneren Spannung anderer Art. Das habe ich schon einmal erlebt.

Diese Spannung brachte mich dazu, meine Zeit auf den Philippinen zu verbringen. Oder war mein Engagement doch eher ein Versuch, diese Spannung zum Schweigen zu bringen?

Ich erlebe diese Spannung in der Begegnung mit Gott, die nicht unter christlicher Geschäftigkeit verschwindet, in einem Lied, bei dem mein Herz mitschwingt, in der Natur, die mir Schönheit offenbart, mit einem guten Buch in der Hand, dessen Worte in meinem Herz nachhallen, in Begegnungen mit Menschen, die durch die Oberflächlichkeiten des Alltags scheinen.

Ein linearer Zusammenhang

Dieses Phänomen der inneren Spannung nehme ich jetzt zum zweiten Mal bewusst wahr:

Meine Sehnsucht nach Gott wird durch die Begegnung mit ihm größer.

Ist das nicht frustrierend?

Wieso sollte ich die Begegnung mit Gott suchen, wenn selbst sie mich nicht zur Ruhe bringt?

Für mich ist diese heilige Spannung ein Zeuge dafür, dass wir für eine tiefe Beziehung zu einem großen Gott geschaffen sind.

Eine tiefe Beziehung, die über alles auf dieser Welt Erfahrbare hinaus geht. In dieser Spannung möchte ich ruhen.

Ruhe in einer unstillbaren Spannung

Ich wünsche mir, mich weniger in nicht befriedigenden Nichtigkeiten zu verlieren. Mein Herz weniger zu verlieren im Treiben dieser Welt – auch dem christlichen Treiben.

Ich wünsche mir, öfter den Zustand der Spannung zu erleben. Die heilige Spannung, die das Ruhen in Gott und die gleichzeitige Sehnsucht nach mehr von ihm mit sich bringt.

Eines der vielen guten Bücher, die ich in letzter Zeit gelesen habe, war Martin Schleskes „Herztöne“. Darin bezeichnet der begnadete Schriftsteller und Geigenbauer das Phänomen der Selbstmaximierung. Ich kämpfe in meiner Zwangspause mit der Frage nach der Effizienz meines Daseins und lese über „die Heilung von dem Prinzip der Selbstmaximierung“:

Der durch die Gottesliebe geheilte Mensch erkennt: Das Spannende bin nicht ich, sonder das, was in der liebenden Kooperation mit Gott geschieht“ (S. 229).

Weiter beschreibt Schleske, dass wir nicht das sind, was wir tun, sondern, was wir in Gottes Gegenwart sind. Er stellt den Ethos als das geglückte tun, dem Eros, dem glücklichen Sein, gegenüber.

Sich von Gott berufen lassen, das sei Ethos. Sich von Gott lieben lassen, Eros.

Die meisten von uns Streben nach dem Ethos dieser Welt: unsere Berufung. Einige Streben sogar danach, diesen Ethos in Gott zu finden.

Selten jedoch entdecken wir unser Eros, unser geglücktes Sein, indem wir uns einfach von Gott lieben lassen – unabhängig von unserem Ethos.

Kehre zurück, meine Seele, in deine Ruhe, denn der Herr hat dir Gutes getan.“ – Psalm 116,7

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